Ist es wieder soweit?

Einen Tag vor Heiligabend erhielten wir aus anonymer Quelle Kenntnis vom Schreiben der Theater & Philharmonie Thüringen, unserer Theater in Altenburg und Gera, mit der erschreckenden Botschaft, dass Künstler ihre Verträge kündigen und unsere Region verlassen wollen, weil sie rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sind. Dem Entsetzen folgte als zwangsläufige Reaktion unsererseits die Verbreitung dieses Hilferufs. Danach kam die Verwunderung. Das Schreiben datiert vom 22.11., ist also bereits einen Monat alt und niemand hat es für nötig gehalten, die Öffentlichkeit zu informieren? Kein Gesellschafter, kein Aufsichtsrat fühlte sich bemüßigt aktiv zu werden, die Sorgen und Nöte der Betroffenen ernst zu nehmen, dem erneut drohenden Exodus von Kultur und Vernunft energisch Einhalt zu gebieten?

Vor etwas mehr als 90 Jahren hat ein strammer Rechtskonservativer, Kultusminister Richard Leutheußer, das Bauhaus aus Weimar vertrieben. Dem rechtskonservativen, kleinkarierten Provinzler ging gegen den Strich, dass der Belgier van de Velde, der Deutsch-Amerikaner Feininger, die Schweizer Itten und Klee und der Russe Kandinsky gemeinsam mit Walter Gropius den Aufbruch in die Moderne wagten. Bei seinen politischen Freundschaften war der Karrierist weniger sensibel, als von der NSDAP geduldeter Staatsminister hat er dem ersten Nazi-Minister in der Weimarer Republik, Wilhelm Frick, den Weg geebnet.

Was folgte ist allgemein bekannt. Wer konnte, brachte sich vor dem beginnenden Irrsinn im Ausland in Sicherheit, der Rest kam ins Lager oder in die Gaskammer. Diese unglaubliche Vertreibung und Vernichtung von Humankapital wirkt gerade in diesen Tagen schmerzlich nach.

Aus unserer Sicht sind in erster Linie die Geraer Aufsichtsräte der TPT, Dr. Viola Hahn, Jana Höfer, Mike Huster und Falk Nerger gefordert, hier öffentlich und eindeutig Stellung zu beziehen. Die Geraer Bürger haben sich wiederholt und engagiert für den Erhalt unseres Theaters eingesetzt, ohne seine Künstler und Mitarbeiter aus aller Herren Länder, die selbst zum Erhalt des Hauses und unserer Kultur oft genug Verzicht geübt haben, ist dieses Theater dem Untergang geweiht.

Gefordert sind auch alle Parteien, Verbände, Vereine und Personen, die sich unseren gemeinsamen Werten verpflichtet fühlen, sich gegenüber der Öffentlichkeit und den Betroffenen zu positionieren. Wir dürfen dem Ungeist des Nationalismus, des Neid und Hasses keinen Raum lassen. Wir wollen nicht zurück in die verschlossene, dumpfe Unkultur zweier durchlebter Diktaturen. Verteidigen wir gemeinsam die mühsam erkämpfte Freiheit. Zeigen wir unseren Mitbürgern aus anderen Ländern unseren Respekt, versichern wir ihnen unseren Beistand und bitten wir sie, diese Stadt und unser Land auch in Zukunft mit uns gemeinsam zu gestalten.

Ernst-Dietrich Färber

Kreisvorsitzender Gera

Piratenpartei Deutschland

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